15.6.2001: Nach dem SPIEGEL-Artikel über "Software für digitale Signaturen ist leicht zu knacken" sind alle aufgeschreckt, hier weitere Informationen ...

Der HEISE-Newsticker meldet ergänzend am 11.6.2001, dass diese Sicherheitslücken bei den heutigen Digitalen-Signatur-Verfahren schon im Herbst 2000 (!) von den Informatikern der Uni-Bonn gemeldet wurden. (Nachzulesen unter).

Nur durch die Veröffentlichung im SPIEGEL vom 11.6.2001 ist dies einem größeren Publikum bekannt geworden – Insider wußten dies anscheinend schon lange, wie sich nachfolgend herausstellt:

Bereits im Januar soll die RegTP (Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation) offiz. von dem Vorfall gehört haben. Die RegTP informierte damals sofort alle betroffenen Stellen und Firmen und ergänzte sogar daraufhin bereits im Februar 2001 ihre Web-Seiten um folgenden Warnhinweis:

"Aus gegebenem Anlaß weist die RegTP darauf hin, daß Anwenderkomponenten, welche z.B. zur Erzeugung bzw. Verifikation digitaler Signaturen eingesetzt werden, nur auf ‚vertrauenswürdigen IT-Systemen‘ betrieben werden sollten. Wird die Anwenderkomponente auf IT-Systemen eingesetzt, in welchen keine wirkungsvollen Schutzmaßnahmen zur Abwehr bösartiger Software ergriffen sind, so können Sicherheitslücken entstehen, welche die Sicherheit der Anwenderkomponente aushöhlen."

‚Vertrauenswürdige IT-Systeme‘ sind nach dem heutigem Stand der Technik Internet-Zugänge, die mit täglich administrierten FireWalls und aktuellen, mehrfach-hintereinandergeschalteten, unterschiedlichen, stündlich-aktualisierten Viren-Scannern geschützt sind. VirenScanner können aber nur dann vor Viren – und hier speziell vor Trojanische Pferden – schützen, wenn diese schon einmal aktiv und daher marktbekannt wurden und wenn dann auch noch die Anti-Viren-Softwareindustrie geeignete Gegenmaßnahmen entwickelt hat. Dies ist aber heute zum Teil ein "Hase-und-Igel"-Spiel geworden.

Im SPIEGGEL vom 11.6.2001 steht auch der hierzu passende Kommentar:

"Das würde im übertragenen Sinne bedeuten, dass kugelsichere Westen nur dort sicher sind, wo nicht geschossen wird."

Für ein im Massenmarkt einzusetzendes Digitales-Signatur-Produkt ist das aber nicht akzeptabel!

Mittlerweile gibt es auch erste Stellungnahmen anderer Trust-Center-Betreiber:

Die Fa. D-Trust (Tocherunternehmen der Bundesdruckerei – die u.a. auch das SmardCard-System der IHK`s erstellt hat) meldet am 13.6.2001: "Digitale Signatur entgegen Pressemeldungen nicht geknackt". Weitere Informationen – die die Bedenken ausräumen könnten – sind dann aber von dort nicht mehr zu erfahren.

Das Trust-Center der Bundes-Notar-Kammer meldet: "Mit der ausgespähten PIN alleine kommt niemand weiter". Ansonsten will bisher die Bundes-Notar-Kammer keine weiteren Konsequenzen aus der Hacker-Attacke ziehen (siehe auch).

Doch das Institut für Informatik der Uni-Bonn reagiert sofort: "Durch das Ausspionieren der PIN habe der Angreifer die Möglichkeit, vom Nutzer unbemerkt Dokumente zu erstellen und mit der elektronischen Unterschrift zu versehen. Zudem könne der Angreifer das Dokument, wenn es dem Nutzer vor der Signatur noch einmal zur Kontrolle angezeigt wird, im Text verändern. Z.B. statt einer werden dann zehn Kaffeemaschinen bestellt". Natürlich funktioniert dies nur – wie die Uni-Bonn einräumt – wenn der Nutzer seine SmartCard im passenden Lesegerät läßt. Nur welcher Nutzer steckt zig mal pro Tag bei jeder eMail die SmartCard in das Lesegerät und nimmt diese sofort wieder heraus?

"Auch Privatleute müssten mit Virenscannern arbeiten, um möglichst sicher zu arbeiten." so die erste Reaktion eines Pressesprechers der Deutsche Post AG.

Am 12.6.2001 traf sich in Berlin sofort eine Gruppe von Behörden, Verbänden und Unternehmen - "Partnerschaft für sichere Internet-Wirtschaft" - unter Vorsitz von Bundes-Wirtschafts-Minister Werner Müller. Bundes-Wirtschaft-Minister Müller befürchtet nun gravierende Ansehens-Verlust für den E-Commerce (Nachzulesen im ZDF-Online-Magazin vom 15.6.2001).

Bereits auf einem Kongress im Mai 2001 hatten die Informatiker der Uni-Bonn das Problem mit den derzeit üblichen Digitalen-Signatur-Verfahren einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Wie in obigen HEISE-News weiterhin nachzulesen ist, hatte sogar das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) im Vorfeld dieses Kongresses die Wissenschaftler der Uni-Bonn aufgefordert, auf Teile Ihres Vortrages zu verzichten. Die Informatiker der Uni-Bonn hatten sich aber hierauf nicht eingelassen und prompt die Quittung erhalten: Das BSI legte eine zuvor in Aussicht gestellte Kooperation mit der Uni-Bonn auf Eis (In diesem Markt herrschen anscheinend heute Zustände wie in Süd-Italien).

Laut diesem HEISE-Artikel gab dann abschließend der Referatsleiter, Jürgen Schwemmer, von der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) eine Wertung des Ganzen:

"Es ist doch jedem bekannt, dass diese Produkte zur Digitalen-Signatur alle nicht sicher sind".

100% Sicherheit gibt es nicht – aber wenn dies so stimmt, sollten dies doch alle Anwender genau wissen, damit die Risiken eingeschätzt werden können!

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