Dezember 2004: Ein Interview von Arthur Werner, wie aus dem Russland-Deutschen Vitali Schulz ein Eistanztrainer in NRW wurde - die Eistanz-Lebensgeschichte des erfolgreichen NRW-Landestrainers Vitali Schulz, bei dem auch Saskia Brall und Tim Giesen trainieren.
Das erfolgreiche NRW-Eistanz-Trainergespann:

Vitali Schulz Rastislav Sinitsin
Arthur
Werner: Vitali, bei den letzten Olympischen Sommerspielen in
Athen gehörten deutsche Sportler aus der ehemaligen Sowjetunion zur deutschen
Olympiamannschaft und haben durch ihren Einsatz zu mehreren Siegen beigetragen.
Aber bei den Wintersportarten sind sie noch nicht in Erscheinung getreten.
Unsere Leser haben bestimmt noch keinen Deutschen aus Kasachstan kennen
gelernt, der als Eiskunstlauftrainer tätig ist. Wie bist du dazu gekommen?
Vitali
Schulz:
Als Kind habe ich mit sechs Jahren das Eiskunstlaufen auf der offenen
Eisbahn in Karaganda angefangen. Dort gab es einen enthusiastischen Trainer
Namens Karasev, der buchstäblich die ganze Stadt und ihre Umgebung mit seiner
Liebe zu dieser Sportart angesteckt hat. Als Anfänger bin ich in der Gruppe
seines Sohnes, Sergey Karasev, gelandet.
Arthur
Werner:
Wieso hast du dich ausgerechnet für diese Sportart entschieden? Warst du ein
kränkliches Kind, das die Eltern aus gesundheitlichen Gründen auf die
Eisbahn geschickt haben?
Vitali
Schulz: Nein!
Ich habe mit meiner Familie eine Weltmeisterschaft im Eiskunstlaufen im
Fernsehen gesehen, und meine Mutter hat mich gefragt: „Willst du auch
Eiskunstläufer werden?" Ich habe gesagt: „Ja, Mama, ich will! ". Sie hat
mich mit meiner jüngeren Schwester Lena zum Eisstadion gebracht, und so hat es
alles angefangen.
Arthur
Werner:
Und weiter?
Vitali
Schulz: Nach
einem Jahr fand mein erster Wettbewerb statt - daran kann ich mich noch ganz
genau erinnern. Es war auf der offenen Eisbahn und draußen war es zwischen -25°
und - 30° kalt. Es war mein erster Sieg in meinem Leben, und ich war damals fast
sieben Jahre alt. Danach wurde ich in die Kinderfördergruppe eingeladen und konnte in einer geschlossenen Eishalle
trainieren. Dort hat mich Tatjana Kinzel-Badrakowa fünf Jahre lang als
Einzelläufer trainiert. Sie lebt jetzt auch in Deutschland, aber sie hat
leider mit dem Eiskunstlaufen aufgehört. Ich habe alle Doppelsprünge beherrscht,
aber ständig haben alle zu mir gesagt, ich soll es doch einmal mit Eistanz
versuchen. Zusammen mit meiner Schwester habe ich das dann
getan
In Karaganda gab es leider keinen einzigen
Eistanztrainer, deswegen bin ich mit 16 Jahren nach Almaty gezogen. Dort
habe ich bei Natalja Bolotina und Jurij Guskov trainiert, in einem Jahr
haben sie mir die Grundlagen des Eistanzens beigebracht. Zunächst habe ich eine
ältere und erfahrene Partnerin bekommen, danach eine jüngere, mit der ich
1986 an den Kasachischen Meisterschaften teilgenommen habe. Wir kamen auf
Anhieb auf den 3. Platz.
Die Bedingungen für das Training in Almaty waren gut:
Ich habe in einem Sportinternat gelebt, Eis war genug vorhanden, ich musste ein
ganzes Jahr nur viel trainieren und zur Schule gehen. Leider hat sich die
Eistanzgruppe nach einiger Zeit aufgelöst, und ich musste nach Karaganda
zurückkehren. Ich wollte aber unbedingt weiter Eistanzen und bin dann wieder mit
meiner Schwester gelaufen. Nach eineinhalb Jahren habe ich mich
entschieden, meine sportliche Karriere zu beenden. Ich war damals 17 Jahre alt;
man hat mir eine Kindergruppe anvertraut und gesagt: „Vitali, trainiere diese
Kinder". So hat meine Trainerkarriere begonnen. 1990 habe ich in Almaty
angefangen Sport zu studieren, und nach eineinhalb Jahren bin ich mit
meiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland
ausgewandert.
Arthur
Werner: Wann
haben sich die Pläne deiner Familie
verwirklicht?
Vitali
Schulz: Im
Winter 1992. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern: Wir sind am 23.
Februar, am Tag der sowjetischen Armee in Frankfurt am Main gelandet. Noch vor
der Ausreise habe ich mich entschieden, mit Eiskunstlaufen ganz aufzuhören,
ich wollte Wirtschaft oder Jura in Deutschland studieren. Meine zwei
Semester an dem Sportinstitut in Almaty sind nicht anerkannt worden, und ich bin
den gleichen Weg wie alle anderen jüngeren Aussiedler gegangen: Zuerst ein
Jahr Deutschkurs, dann habe ich nach zwei Jahren das Abitur gemacht. Als ich
mich auf die Abschlussprüfungen vorbereitet habe, habe ich jede Nacht vom
Eiskunstlaufen geträumt. Es war immer der gleiche Traum: Ich habe geweint,
so sehr habe ich mir gewünscht, wieder aufs Eis zu gehen. Zwei Monate lang haben
mich diese Träume gequält, und ich konnte es nicht mehr aushalten. Ich habe die
Adresse der DEU herausgefunden und mich an die Deutsche Eislauf-Union (DEU)
gewandt.
Arthur
Werner: Hast
du von der DEU eine Antwort
bekommen?
Vitali
Schulz: Ja,
natürlich. Ich habe vier Adressen von Stützpunkten bekommen: in Berlin,
Oberstdorf, Chemnitz und Dortmund. Ich habe damals in Hessen bei Hanau gewohnt,
auf die Landkarte geschaut und Dortmund ausgewählt, weil es in der Nähe
lag, und dann bin ich tatsächlich nach Dortmund
gefahren.
Arthur
Werner: Wann
war das?
Vitali
Schulz: Im
Jahr 1995. Damals war Christine Henke-Mades als Eistanztrainerin in Dortmund
tätig, mit ihr zusammen hat ein russischer Trainer, Oleg Ryjkin,
gearbeitet. Ich habe mich mit ihr unterhalten, und schließlich bin ich auf das
Eis gegangen. Ehrlich gesagt, hatte ich etwas Angst, mich zu blamieren, denn ich
hatte seit fünf Jahren nicht mehr trainiert. Aber nach der Sichtung wurde ich
genommen, vielleicht weil es einen Mangel an Jungen im Eistanzen
gab.
Arthur
Werner: Ein
Junge mit 23?
Vitali
Schulz: Einen
Jüngeren gab es wahrscheinlich nicht. Genau gesagt, Oleg Ryjkin hat mich
angenommen, der Sohn von Viktor Ryjkin, der erster Partner und Trainer von
Ludmila Pachomova war.
Arthur
Werner: Warum
sagst du „man hat mich genommen“ bist du alleine
gelaufen?
Vitali
Schulz: Nein,
natürlich habe ich eine Partnerin bekommen, die schon etwas tanzen konnte.
Ich habe sehr viel von Ryjkin gelernt, er hat mir viel beigebracht, und dafür
bin ich ihm sehr dankbar. Ohne ihn hätte ich es nicht geschafft, denn
Eistanzen ist in Deutschland ein
ziemlich teures Vergnügen. Oleg hat für mich eine Partnerin, Sabine
Weller, gefunden. Ihre wohlhabenden Eltern haben uns beim Training, den
Kostümen und den Reisen zu den Wettkämpfen finanziell unterstützt. Ich bin
mit Sabine etwas länger als ein Jahr zusammen gelaufen, und wir haben vieles
erreicht. Wir haben an der Winteruniversiade 1997 in Südkorea teilgenommen
und haben den 6. Platz belegt. Nach einem Jahr hat sie sich leider
entschieden, mit dem Leistungssport aufzuhören, sie wollte ihr
Medizinstudium beenden, und ich musste mir eine neue Partnerin suchen.
Meine zweite Partnerin hieß Pamela Bauer. auch ihren Eltern bin ich für ihre
finanzielle Unterstützung sehr dankbar. Mit Pamela sind wir bei Deutschen
Meisterschaften gestartet und haben uns den 3. Platz geholt. Nach einiger Zeit
wollte auch sie mit Eistanzen aufhören, denn es ließ ihr keine Zeit für Studium
und Privatleben.
Arthur
Werner: Die
Mädchen haben studiert und du bist nur Eis
gelaufen?
Vitali
Schulz: Natürlich
nicht. Nachdem ich nach Dortmund gezogen war, wurde ich zur Bundeswehr
einberufen. Ich war in der Nähe von Dortmund stationiert und konnte
somit jeden Abend auf dem Eis trainieren. Einige Jahre hat dann ein
berühmter sowjetischer Eistänzer, Rostyslav Sinitsyn, zusammen mit Oleg
Ryjkin gearbeitet. Er hat mir viele Geheimnisse über Choreographie und den
Trainerberuf verraten. Ich bereue immer noch, dass ich nach meinem
Training nicht in der Eishalle geblieben bin, um zu sehen, wie Ryjkin
und Sinitsyn mit anderen Läufern arbeiteten. Ich hätte ihre Methodik beobachten
und viel von ihnen lernen können.
Arthur
Werner: Wovon
hast du gelebt?
Vitali
Schulz: Bei
der Bundeswehr habe ich monatlich 800 Mark bekommen, gelebt habe ich in der
Kaserne, die Verpflegung war inbegriffen. Ich war bei der Luftwaffe, das Essen
war ausgezeichnet. Hätte ich damals nicht trainiert, hätte ich bestimmt
ziemlich viel zugenommen.
Arthur
Werner: Was
geschah, als deine zweite Partnerin
aufhörte?
Vitali
Schulz: Das
war Anfang 1999, und ich habe in Dortmund mit der Trainertätigkeit
begonnen.
Arthur
Werner: Hast
Du eine Trainerstelle bekommen?
Vitali
Schulz: Nein.
Ich habe angefangen, auf freiberuflicher Basis als Assistent von Oleg Ryjkin zu
arbeiten.
Arthur
Werner: Und
es hat zum Leben gereicht?
Vitali
Schulz: Nein,
nicht immer. Die ersten eineinhalb Jahre habe ich sehr wenig verdient.
Ryjkin hat mir geholfen, eine günstige Wohnung zu finden, und es gab Tage, an
denen mein Kühlschrank ganz leer war. Und dazu hatte ich noch
Heiratspläne!
Arthur
Werner: Kommt
deine Frau aus Deutschland?
Vitali
Schulz: Nein,
auch sie ist aus Kasachstan, aus Almaty. Natalja hat ihr
wirtschaftswissenschaftliches Studium in Kassel beendet und ist zu mir nach
Dortmund umgezogen. Sie hat hier eine gute Arbeitsstelle bekommen und
verdient viel mehr als ich. Das stört mich etwas.
Arthur
Werner: Haben
dir deine Eltern nicht geholfen?
Vitali
Schulz: Sie
haben mir sofort ihre Hilfe angeboten, aber mir war klar, dass ich mich selbst
versorgen und ernähren muss. Und später natürlich auch meine
Familie.
Arthur
Werner: Wie
hast du das Problem gelöst?
Vitali
Schulz: Mit
Arbeit. Ich habe mit drei Kindern angefangen zu arbeiten, dazu bin ich
zweimal in der Woche nach Bergisch-Gladbach und Netphen gefahren. Die
Eltern waren mit meiner Arbeit zufrieden. Nach zwei Jahren war meine Gruppe
schon wesentlich größer, und meine Schützlinge haben an verschiedenen
Wettkämpfen in der Anfängerklasse teilgenommen. Nach einiger Zeit habe ich
daraus feste Eistanzpaare gebildet. Von Saison zur Saison habe ich immer mehr
Schüler bekommen.
Arthur
Werner: Und
du hast dir erlaubt eine Familie zu
gründen?
Vitali
Schulz: Ja,
wir haben 2000 geheiratet. Nun hatte ich eine noch größere
Verantwortung, ich musste noch effektiver arbeiten und mehr verdienen,
besonders nachdem wir uns für ein Kind entschieden
hatten.
Arthur
Werner: Und
wie hast du das geschafft?
Vitali
Schulz: Eigentlich
ganz gut. Sehr viel hat mir der Vize-Präsident des Eissportverbandes
Nordrhein-Westfalen, Friedrich Dieck, geholfen. Heute habe ich eine halbe Stelle
als angestellter Landestrainer von NRW und dazu kann ich auch als
freiberuflicher Trainer arbeiten. Nachdem ich die feste Stelle bekommen hatte,
habe ich etwas entspannter gearbeitet. Aber sofort bekam ich deshalb eine
entsprechende Anmerkung, und mir wurde klar, dass ich als Trainer immer
bereit sein soll, alles, was ich weiß und kann, für meine Schüler zu
geben.
Arthur
Werner: Mit
wem arbeitest du zusammen, nachdem Oleg Ryjkin aufgehört hat, und wie viel
Schüler hast du?
Vitali
Schulz: Ich
arbeite zusammen mit meinem Lehrer, einem erfahrenen Eistänzer und
Choreographen, der extra dafür aus Prag kommt. Er hilft mir, meine fünf
Nachwuchspaare und ein Juniorenpaar auf Vordermann zu bringen. Auf das
Juniorenpaar Caroline und Daniel Hermann legen wir sehr viel Wert und hoffen,
dass dieses Eistanzpaar eine Zukunft auf dem internationalen Niveau
hat.
Arthur
Werner: Gibt
es in deiner Gruppe Kinder aus
Russland?
Vitali
Schulz: Ja,
es ist ein Junge, er heißt Niko Ulanovsky. Er ist erst 8 Jahre alt, hat aber
sehr viel Talent. Die Arbeit mit ihm auf dem Eis macht mir viel Spaß. Aber auch
alle anderen Kinder sind in meiner Gruppe willkommen, nur müssen sie hart
trainieren, kämpfen und siegen lernen, wenn sie auf dem Eis erfolgreich sein
wollen. Es ist eben wie im richtigen Leben!
Das Interview führte Arthur Werner und es wurde u.a. in Deutschland im Eissport-Magazin veröffentlicht