NGZ 20.12.2003: Tim Giesen ist erst 15 Jahre alt und trotzdem schon der erfolgreichste Sportler des Neusser Schlittschuh-Klubs (NSK). Am vergangenen Wochenende gewann der Neusser mit seiner Partnerin Saskia Brall (Iserlohn) den Titel im Eistanzen bei den Deutschen Nachwuchsmeisterschaften in Oberstdorf. Damit schrieb Tim Giesen NSK-Geschichte, denn er ist nicht nur der erste Deutsche Meister seit der Vereinsgründung vor 30 Jahren, sondern auch der erste Neusser, der einen nationalen Titel auf dem Eis erringen konnte.
Grund genug also, mal in den Trainingsalltag des Kufen-Experten zu schnuppern. "Es war ein tolles Gefühl, bei den Deutschen Nachwuchsmeisterschaften ganz oben auf dem Treppchen zu stehen", schwärmt der junge Sportler. Doch der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Immerhin schnürt der Schüler seit rund zehn Jahren seine Schlittschuhe und das fast täglich. Trainiert wird allerdings nicht mehr im heimischen Neuss, sondern am Landesstützpunkt in Dortmund. "Dort trainieren Saskia und ich beim Landestrainer Vitali Schulz", erzählt Tim Giesen.
Fünf Mal pro Woche wird Tim von seiner Mutter nach Dortmund gefahren, für drei Stunden hartes Training. "Dabei stehen wir aber nur zwei Stunden auf dem Eis", erklärt er. "In der letzten Stunde stehen Konditionstraining oder Ballettunterricht auf dem Plan." Auch kein Vergnügen, gerade das Ballett ist so gar nicht Tims Domäne. "Ich stehe nicht so auf Ballett, aber es muss halt sein." Schließlich sollten die Tänze auf dem glatten Eis möglichst elegant aussehen. Immerhin, die harte Arbeit hat sich am vergangenen Wochenende bezahlt gemacht, obwohl das Paar mit Handicap an den Start ging. "Uns fehlte die Wettkampferfahrung", sagt der frisch gebackene Deutsche Meister.
Wegen einer schmerzhaften Knieentzündung musste der 15-Jährige wochenlang pausieren, konnte an einigen wichtigen internationalen Wettkämpfen nicht teilnehmen. "Dazu kommt, dass Saskia dann bei einem Wettbewerb im schweizerischen Bellinzona eine Woche vor den Titelkämpfen in der Kür schwer gestürzt ist." Und ein schwerer Sturz bleibt im Sportler-Gedächtnis kleben, so auch bei Tim und der 13-jährigen Saskia.
Dementsprechend groß war das Lampenfieber vor der entscheidenden Kür in Oberstdorf. "Vor den Pflichttänzen war ich gar nicht nervös, aber vor der Kür hatte ich zittrige Knie", erinnert er sich. Und obwohl dann auf dem Eis alles glatt lief, mussten die beiden danach noch weiter zittern, allerdings im berühmt-berüchtigten Kiss-and-Cry-Area. Am Ende hat es dann zum Sieg gereicht - für Tim keine Überraschung. "Wir sind dorthin gefahren, um zu gewinnen", sagt er.
Selbstbewusstsein, Disziplin und Nervenstärke, das sind die
Eigenschaften, die Tim Giesen auszeichnen. Und die muss ein guter
Leistungssportler auch haben, weiß er, sonst ist es unmöglich, Schule und Sport
unter einen Hut zu bekommen." Bei Tim Giesen klappt der Spagat zwischen
Leistungssport und Schule, auch wenn er auf viele Annehmlichkeiten des
Teenagerlebens verzichten muss. Für Freunde und Hobbys bleibt in der Woche kaum
Zeit, in der Wintersaison sind die Wochenenden ebenfalls mit Wettkämpfen
zugepackt. Doch Tim Giesen ist ehrgeizig. Deshalb wird er sich auch in den
kommenden Wochen auf dem Eis und an der Ballettstange quälen, schließlich stehen
im neuen Jahr noch wichtige internationale Wettkämpfe an. So ein Meistertitel
verpflichtet.
Ros