Die neuen Deutschen Meister im Eistanzen kommen aus Neuss:

Saskia Brall & Tim Giesen
vom Neusser Schlittschuh-Klub e.V. (NSK)
wurden  Deutsche Meister im Eistanzen
bei den diesjährigen Deutschen Nachwuchs-Meisterschaften in Oberstdorf

 

15.12.2003 Oberstdorf: Über 300 jugendliche Sportler kämpften vom 12. bis 14. Dezember bei den Deutschen Nachwuchsmeister­schaften um die be­gehrten natio­nalen Nachwuchstitel im Eiskunstlaufen, im Eis­tanzen und im Synchron-Eis­kunstlaufen.  Auch unser Neusser-Eistanzpaar Saskia Brall und Tim Giesen reisten gut vorbereitet mit Ihren Trainern nach Oberstdorf. Sie er­rangen dann in einem stark besetzten Feld von Deutschlands besten Nach­wuchs-Eis­tänzern - quasi im „Durch­marsch“ - den diesjährigen Titel.

Am Samstag 14. Dez. ging es schon morgens früh um 6:40 Uhr zum ersten mal in die Eishalle, zum ab­schließenden Training. Aber auch hierbei stehen die Eisläufer schon unter ständiger Beobachtung der strengen Preisrichter der Deutschen Eislauf-Union (DEU), damit diese sich vorher schon den Kürverlauf ansehen und einprägen können, um dann im eigentlichen Wettbewerb nur noch die Sicherheit und Per­fektion der gezeigten Elemente bewerten zu können. Wie bei großen internationalen Wettbewerben fällen hier 7 Preisrichter die Bewertung unter der strengen Aufsicht der Schiedsrichter der DEU. Zur Kategorie „Nachwuchs“ gehören derzeit nur ganze 11 Eistanzpaare in Deutschland; deren Trainingsstand heute kein Anfänger mehr aufholen kann – d.h. diese 22 Sportler, die alle ausnahmslos heute täglich mehr­stündig an den Bundesleistungs-Stützpunkten trainieren, werden somit in den nächsten 5 – 15 Jahren den Eistanzsport in Deutschland bestimmen und die zukünftigen Repräsentanten Deutschlands an inter­nationalen Wettbewerben „unter sich“ ausmachen. Es ist schon ein hartes Stück Arbeit, überhaupt in diese deutsche Eistanz-Eliteklasse vorstoßen zu können und jetzt sollte der Deutsche Meister im harten Wettkampf ermittelt werden.

   

Dann kam am Samstagmittag der erste Plichttanz: dieses Jahr hatte hier der Eissport-Weltverband ISU den „Rocker-Foxtrott“ vorgeschrieben – die Parade-Disziplin von Saskia Brall und Tim Giesen. Saskia Brall und Tim Giesen hatten außerdem eine gute Startauslosung gezogen und konnten als letzte des Wettbewerbs sich zunächst die Ausführungen ihrer Konkurrenten genau ansehen. Mit einer klaren und eindeutigen 7:0 Preisrichterentscheidung errangen sie hier dann mit Abstand den ersten Platz. Durch diese gute Rocker-Foxtrott-Präsentation verschafften sich Brall-Giesen auch somit den notwendigen Respekt der Mitbewerber, denn „psychologische Kriegsführung“ gehört auch hier mit zum Geschäft, um einen Wettkampf erfolgreich bestreiten zu können.

Als letzte Starter des Pflichttanzwettbewerbes blieben dann aber Saskia Brall und Tim Giesen nur ganze 4 Minuten, um sich komplett umzuziehen: das blau-schwarze Rocker-Foxtrott-Kostüm musste gegen das Walzerkleid und einen Frack getauscht werden, denn der zweite Pflichttanz ist in diesem Jahr nach ISU-Regelwerk ein „Europäischer Walzer“. Es kam dann etwas Hektik auf, die Adrenalinwerte gingen noch höher und es schlichen sich leider auch kleine Fehler bei diesem zweiten Pflichttanz von Saskia Brall und Tim Giesen ein. Der Berliner Preisrichter setzte sogar Carolin Frenzel & Tobias Reisenauer aus Bayern diesmal auf den ersten Platz – aber mit einer klaren 6:1 Schiedsrichterentscheidung lagen Brall-Giesen an diesem ersten Wettkampftag dann auf dem ersten Platz und bekamen so die Favoritenrollen für den am Sonntag stattfindenden entscheidenden Kür-Wettbewerb. Vitali Schulz, erfolgreicher NRW-Landes-Eistanztrainer von Saskia und Tim: „Jetzt kommt auf die beiden eine neue Erfahrung, die sie meistern müssen – bisher konnten sie von niedrigeren Plätzen die führenden Paare angreifen, jetzt müssen sie erstmals lernen und beweisen, dass sie auch eine Führungsposition halten und ausbauen können“.

 

  

Die Anspannung am Folgetag war für Saskia und Tim nun besonders hart, es trennte sie nur noch ganz wenig vom ersten großen Titelgewinn: Es schmeckte daher kein Frühstück, der Magen rumorte und die Nerven lagen einfach blank. Um 11:45 Uhr ging es dann zum letzten Training – unter Preisrichterbe­obachtung. Saskia und Tim zeigten echte Professionalität und bei der Kür klappte alles zu 100% perfekt. Als nach 35 Minuten das Training zu ende war, gab es für Saskia und Tim sogar den ersten Applaus, der wenigen Besucher, die sich dieses Training angeschaut hatten, so stark war ihre Darbietung im Training. Dann ging es noch einmal zurück ins Hotel, man legte sich etwas aufs Bett, um auszuruhen – aber die Gedanken kreisten nur um den bevorstehenden Wettkampf, im Kopf durchliefen Saskia und Tim ihre Kür immer und immer wieder. Dann kamen noch einmal die Erinnerungen des letzten Wettbewerbs aus Bellinzona vor einer Woche hoch, wo man erst bei diesem großen internationalen Wettbewerb knapp hinter dem Erstplazierten auf Pos. 2 lag und dann Saskia Brall leider zu Beginn der Kür stürzte und man so auf den dritten Platz zurückfiel. Saskia`s Haare mussten noch schnell mit sog. Papilloten aufgedreht werden, damit die Locken dann passend zu ihrem Zigeuner-Outfit war. Um 13:30 Uhr begann man mit dem Aufwärmprogramm, Landestrainer Vitali Schulz „verjagte“ selbst Mütter und Väter – denn jeder falsche Satz konnte nur die Konzentration stören. Auf dem Eis wurde gerade der Wettbewerb Eiskunstlaufen Kür der Herren ausgetragen und NSK-Vereinskollege Simon Voges patzte leider bei ein paar Sprüngen und rutschte dann sogar auf den 11 Platz ab – kein gutes Omen für die Neusser  . . .  jetzt bloss die Nerven behalten.  

 

Punkt 14:30 Uhr ging es zum Einlaufen für den entscheidenden Kürwettbewerb mit allen Konkur­renten gleichzeitig aufs Eis. Die ggfs. noch gefährlich werden könnenden Wettbewerber aus Bayern und Sachsen hatten „ihre“ Fanreihen mitgebracht und die feuerten ihre Paare bei der Vorstellung der einzelnen Paare mit lautem Klatschen, Pfeifen, Rasseln, Hupen ... an - nur für Saskia Brall und Tim Giesen gab es gerade keine Fans aus Neuss oder NRW, denn die 20 jungen Damen der NSK-Synchron-Eiskunstlauf-Formation „Hurricanes on Ice“ hatten gerade selbst zur gleichen Zeit in einer anderen Eishalle ihr eigenes finales Kür-Training.

 

  

Die Kür von Saskia Brall und Tim Giesen ist in dieser Saison ein russischer Zigeuner-Walzer zur Musik "Schwarze Augen" in der Interpretation von André Rieu. Beim Eistanz kommt es ja speziell auf die ge­zeigte Schritttechnik und die gute Interpretation zur Musik an. Die Wettkampfleistung im Eistanzen ba­siert auf schritttechnischen Grundlagen, die exakt, temporeich und in Anpassung an die Musik tänze­risch, wie akrobatisch dargeboten werden müssen. Man sah Saskia und Tim die Anspannung und den Willen den Titel zu gewinnen geradezu an. Johannes Nordmann, heute Eistanz-Obmann beim NRW-Eissport-Landesverband und als ehemaliger NSK-Vorstand sogar „Entdecker“ von Tim Giesen: „Hoffent­lich passiert jetzt nichts, die beiden sind mir zu aufgedreht, die wollen heute unbedingt mit der Brech­stange gewinnen, der starke Willen ist zwar grundsätzlich gut so – nur hoffentlich gibt es keine Patzer“. Als Saskia Brall und Tim Giesen dann die Kür beendetet hatten, stand fest, dies war leider nicht ihre beste Kür gewesen – Vitali Schulz: „Die Kür war leider nicht optimal – es müsste aber eigentlich gereicht haben“.

Bange Minuten folgten auf dem Sofa in der weltbe­rühmten „Trainenecke“ des Eissport-Zentrums Oberst­dorf - wo schon viele be­rühmte Olympia-, Welt- und Europameister vor Freude oder aus Enttäuschung einige we­nige - aber auch schon einmal ein paar mehr Tränen vergossen hatten. Dann kam die Be­wertung: die von 3,5 bis 4,3 reichte. Ob es „reichte“ konnte man nicht mehr im Kopf mitrechnen, alles stürzte sich auf die Anzeige des Ergebnisdienst-Computers, dann stand es fest: eine eindeutige 5:2 Ent­scheidung der Preisrichter hatten Saskia Brall und Tim Giesen klar auf Platz 1 ge­setzt. Die Deutschen Nachwuchs-Meister der Saison 2003/2004 hießen somit Saskia Brall und Tim Giesen. Zweite wurden Carolin Frenzel und Tobias Reisenauer aus Bayern und dritte wurden Stephanie Schneider und Thomas Maier aus Sachsen.

 

Als die Eisaufbereitungsmaschine schon die Eisfläche wieder für den nächsten Wettbewerb aufbereitete,  kamen erst die Mädels der NSK-Formation „Hurricanes on Ice“ in die Halle gestürmt, angeführt von Mona Giesen, der Schwester von Tim und Mitglied dieses „Neusser Wirbelsturms“. Als die vom Sieg Ihres Eistanz­paares erfuhren holten die die laute Fan-Unterstützung nach – die zu Anfang gefehlt hatte.

Man wird sich in Oberstdorf wohl noch lange an den „Neusser-Wirbelsturm“ erinnern. Dies wird dann aber auch daran liegen, dass die NSK-Hurricanes kurze Zeit später nach ihrem eigenen Wettbewerb (über den man eigent­lich nicht viel berichten muss) die weltberühmte „Oberstdorfer-Tränenecke“ zerstörten: ein Hurricane-Mädchen stürzte, die Tränenecke fiel um und zerbrach in 1000 Einzelteile – hier muss nun wohl eine neue her. Saskia Brall und Tim Giesen sind somit das letzte Paar, was in der weltberühmten „alten“ Oberstdorfer-Tränenecke – wie man ja jetzt sagen darf - als Siegerpaar gesessen hatte, wenn das kein gutes Omen für die Zukunft ist.

Die 13-jährige Saskia Brall kommt aus Iserlohn und geht dort zum Walburgis-Gymnasium. Tim Giesen, 15 Jahre alt, geht in Neuss in die 10te Klasse des Quirinus-Gymnasium und macht nun schon seit fast 10 Jahren Eislauf-Leis­tungssport. Täglich treffen sich dann Saskia und Tim nachmittags nach der Schule im Olympiastützpunkt und Bundesleistungszentrum in Dortmund. Dort trainieren die beiden ca 2 Stunden täglich mit den Eis­tanz-Erfolgstrainern Vitali Schulz (m.) und Oleg Ryjkin (l.) auf dem Eis – mit Konditionstraining, Physiotherapie  usw. kommt man dann incl. der Fahrtzeit locker auf ca. 30 – 40 Stunden pro Woche – eigentlich schon fast ein Full-Time-Job, der jetzt mit dem Meistertitel belohnt wurde.

Sommerferien: Sonne, Strand, Faulenzen? Nichts für Saskia Brall und Tim Giesen, in den Sommerferien ging es für einige Wochen in die bulgarischen Hauptstadt Sofia, um dort unter Leitung des russischen Startrainers Alexander Gorschkov die Eistanztechnik zu verbessern. Nach dem intensiven Sommertrai­ning in Sofia musste Tim Giesen dann aber leider wochenlang mit dem Training pausieren, er hatte sich durch Überlastung eine schmerzhafte Entzündung im Kniegelenk zugezogen. Trotz Spritzen und Akupunktur war die Teilnahme an den diesjährigen Deutschen Nachwuchs-Meisterschaften daher monatelang fraglich. Erst in den letzten 3 Wochen konnten Saskia Brall und Tim Giesen wieder richtig trainieren. Aufgrund der Verletzung mussten in dieser Saison schon mehrere internationale Wettbewerbe abgesagt wer­den und man wusste vor Oberstdorf eigent­lich überhaupt noch nicht wie man im Ver­gleich zu den anderen Eistanzpaaren liegt. Nur noch ein schnell eingeplanter Wettbe­werb vor einer Woche in Bellinzona, in der italienischen Schweiz zeigte schon etwas die diesjährige Klasse. Nun geht es Anfang 2004 zum nächsten internationalen Eis­tanz-Wettbewerb nach Wien, wo nun die Anforderungen aufgrund des deutschen Titelgewinns besonders hoch sein werden.

 

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